Karl Theodor von Inama-Sternegg, Univ.-Prof. Dr.
Der am 20. August 1843 in Augsburg geborene Karl Theodor von Inama-Sternegg begann seine Studien 1860 an der Staatswirtschaftlichen Fakultät der Universität München. Er genoss dort eine breite akademische Ausbildung in den Rechts- und Staatswissenschaften, aber auch in Philosophie und Geschichte. Erste Einblicke in seine spätere publizistische Orientierung gibt seine Dissertation zu den „Volkswirtschaftlichen Folgen des Dreissigjährigen Krieges“ (1865). 1867 habilitierte sich Inama-Sternegg an der Staatswirtschaftlichen Fakultät der Universität München für Nationalökonomie und Verwaltungslehre. 1868 wurde er an der Universität Innsbruck zum außerordentlichen, 1871 zum ordentlichen Professor berufen.
Inama-Sternegg verließ Innsbruck nach elf Jahren erfolgreicher Tätigkeit und nahm 1880 eine Berufung an die Universität Prag an. Die Zeit in Prag war konfliktreich und kurz, weil der Sprachenstreit das akademische Leben belastete. Mitte 1881 wurde er Direktor der administrativen Statistik in der Statistischen Zentralkommission und als Honorarprofessor der Universität nach Wien berufen. Ab 1884 leitete er als Präsident die Statistische Zentralkommission. Daneben lehrte er als Extraordinarius an der Universität Wien und war ab 1899 ein Dezennium lang Präsident des renommierten Internationalen Statistischen Instituts. Inama-Sternegg verstarb am 28. November 1908 in Innsbruck.
Wissenschaftliches Oeuvre
Das publizistische Lebenswerk von Inama-Sternegg deckt einen Zeitraum von über 50 Jahren ab, ist äußerst vielfältig und umfasst wirtschaftshistorische, ökonomische, statistische und staatspolitische Arbeiten.
Das ökonomische und wirtschaftshistorische Werk von Inama-Sternegg ist der Historischen Schule der Deutschen Nationalökonomie zuzuordnen. Dafür sprechen seine stark historisch und rechts-historisch geprägte akademische Sozialisation in München, seine expliziten Äußerungen zu dieser Schule und die Vorgangsweise in seinen angewandten Arbeiten. Doch finden sich bei Inama-Sternegg diesbezüglich auch eigenständige Elemente, insbesondere im Vergleich zur Jüngeren Historischen Schule der Nationalökonomie. So lehnt Inama-Sternegg deren übersteigerten Induktionismus und dessen Konsequenzen für Musteraussagen sowie deren negatives Urteil zur Deduktion ab.
Die wissenschaftliche Haupttätigkeit in der Innsbrucker Zeit war der „Deutschen Wirtschaftsgeschichte“ gewidmet, deren erster Band 1879 erschien. Seine Biografin Valerie Müller spricht von Inama-Sterneggs „Lebenswerk“ (Müller 1975, 67). Die Bände 2 und 3 erschienen 1899 und 1901. Der Tenor der Rezensenten war, dass der erste Band die höchste Anerkennung verdiene, auch weil in der Arbeit zu den späteren Bänden das Quellenstudium nicht mehr so intensiv gewesen sei.
Auch in der Statistik verfügt Inama-Sternegg über ein breites Oeuvre, wobei der Schwerpunkt seiner Arbeiten in der Verbesserung der wissenschaftlichen Basis für die Verwaltungsstatistik lag.
Über 25 Jahre (1881–1905) war er führend in der Statistischen Zentralkommission Österreichs tätig. Zeller attestiert ihm, in Österreich einen „statistischen Dienst moderner Prägung“ geschaffen zu haben. Inama-Sternegg kann gemeinsam mit seinem langjährigen Vorläufer Karl Czoernig (1841–1865) als Doyen der modernen administrativen Statistik in Österreich bezeichnet werden. Die parallele Tätigkeit von Inama-Sternegg in der Statistischen Zentralkommission und an der Universität Wien machte das Statistische Seminar zu einem Ort des Austauschs über die Aufgaben der Zentralkommission, aber auch über Fragen der statistischen Theorie.
Inama-Sternegg als Homo Politicus
Inama-Sternegg war Vertreter der Verfassungspartei im Herrenhaus. Trotz seiner historischen Determinierung besaß er viel Verständnis für die Anforderungen von Gegenwart und Zukunft. So gehörte er im Herrenhaus im Rahmen der Debatten über das allgemeine Wahlrecht von Anfang an „jenem kleinen Häuflein Einsichtsvoller“ (Rauchberg 1909, 27) an, welche das allgemeine Wahlrecht als unvermeidliche Konsequenz der sozialen und ökonomischen Entwicklung begrüßten. In der Sitzung des Herrenhauses vom 21. Dezember 1906 formulierte er an die Vertreter seines eigenen Standes:
„Glauben Sie denn wirklich, meine hohen Herren, daß die sogenannte obere Schicht, die Aristokratie mit der oberen Bourgeoisie zusammen so viel geistige Potenz aufbringt als ein Staat im zwanzigsten Jahrhundert braucht?“ (nach: Rauchberg 1909, 27).
Über 20 Jahre stand er zudem an der Spitze des Vereins gegen Verarmung und Bettelei in Wien und widmete sich der Thematik auch publizistisch.
Ehrungen
Inama-Sternegg wurden zahlreiche Ehrungen zuteil. So erhielt er den Dr. jur. h. c. der Universitäten Wien, Cambridge, Krakau und Czernowitz. Er war Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Wien sowie korrespondierendes Mitglied der Accademia Nazionale dei Lincei (Rom), der Preußischen und Bayerischen Akademien der Wissenschaften. Im Jahr 1891 wurde er zum lebenslangen Mitglied des österreichischen Herrenhauses ernannt. 1917 erhielt er eine Büste im Arkadenhof der Universität Wien. 1950 wurde er in die Ehrentafel der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien aufgenommen.
Wissenschaftliche Werke (Auswahl)
Untersuchungen über das Hofsystem im Mittelalter mit besonderer Beziehung auf Deutsches Alpenland, Innsbruck: Verlag der Wagner’schen Universitäts-Buchhandlung, 1872.
Adam Smith und die Bedeutung seines Wealth of Nations für die moderne Nationalökonomie, Innsbruck: Wagner’sche Universitätsbuchhandlung, 1876.
Über Wert und Preis in der ältesten Periode deutscher Volkswirtschaft, Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, 30 (1878), 205–211.
Die Ausbildung der großen Grundherrschaften in Deutschland während der Karolingerzeit, Staats- und Sozialwissenschaftliche Forschungen, 1 (1879), 1, 1–118.
Deutsche Wirtschaftsgeschichte, 3 Bände, Leipzig: Duncker & Humblot, 1879, 1891, 1901.
Zur Kritik der Moralstatistik, Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, N. F., 7 (1884), abgedruckt in: Inama-Sternegg, K. Th., Staatswissenschaftliche Abhandlungen, Leipzig: Verlag von Duncker & Humblot, 1903, 303–333.
Die persönlichen Verhältnisse der Wiener Armen, Wien: Selbstverlag des Vereins gegen Verarmung und Bettelei, 1899.
Staatswissenschaftliche Abhandlungen, Leipzig: Verlag Duncker & Humblot, 1903.
Neue Probleme des Kulturlebens – der Staatswissenschaftlichen Abhandlungen zweite Reihe, Leipzig: Verlag Duncker & Humblot, 1908.
Archiv der Universität Wien, Akademischer Senat, GZ 6 ex 1949/50 (Ehrentafel); Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät GZ 2625 ex 1949/50 (Ehrentafel).
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